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Wie aus Geschichten ein Moasikbild entsteht

Der Geist von Noro, als Erfinder des Kinomichi, ist im Dojo spürbar. Er war oft hier. Ich habe ihn nicht mehr persönlich kennengelernt, Stück für Stück aber ergibt sich auch für mich ein Bild, ein Mosaik aus vielen kleinen Geschichten und Zitaten, derjenigen, die Noro noch selbst erlebt haben. Ich will versuchen, erste Mosaiksteine dieses Bildes aufzusammeln.

Kinomichi ist noch eine relativ junge Idee, aber mit uralten Wurzeln. Der philosophische Bogen des Kinomichi spannt sich zu sehr alten, fernöstlichen Weisheiten Japans bis zu neuesten Ideen und Erkenntnissen der modernen, europäischen Körper- und Bewegungslehren.

Meister Noro, der Erfinder des Kinomichi, wurde 1935 in Japan geboren. In den 1950er Jahren wurde er Schüler beim Erfinder des Aikido, Meister Ueshiba Morihei. Er hatte Aikido als eine betont defensive japanische Kampfkunst neu aufleben lassen. Ueshiba Morihei sagt, wenn man sich bewegt, werden Techniken geboren.

Viele Techniken des Aikido stammen aus der alten Tradition des japanischen Schwertkampfes. Beim Aikido- und Kinomichi-Training ist dieser Ursprung noch heute zu erkennen, aber weniger um Gegner zu vernichten, sondern sich gegenseitig zu beschenken.

Anfang der 1960er ging Noro als Aikido-Meister nach Frankreich, um Aikido in Nordafrika und Europa bekannt zu machen und zu lehren. Ende der 1970er erlitt er einem schweren Autounfall, der ihn so behinderte, dass er eine ganze Zeit nicht mehr „richtig“ trainieren konnnt. Seine Bewegungserfahrungen nutzte er um sich sein eigenes „Reha-Programm“ zusammenzustellen. Aber diese Krise, so wurde mir erzählt, nutzte er auch, um sich Hilfe zu suchen, neue Ansätze der Bewegung als Heilung an sich zu erforschen. Die Krankheit als Weg, als Impuls, das Aikido nochmals komplett neu zu denken und den Heilungsaspekt der Bewegung noch deutlicher zu entdecken.

Er studierte und forschte in Paris dafür bei Lily Ehrenfried, ursprünglich eine Berliner Ärztin, die als Begründerin der Heilgymnastik gilt und sich nach dem 2. Weltkrieg in Paris niederließ. Durch die Arbeiten von und mit Ehrenfried und anderen aus der Pariser Gymnastikszene kam Noro die Idee, Er sah darin den nächsten Schritt auf seinem geistigen Weg und lehrte seine Schüler, Aikido noch fließender, noch gelenkfreundlicher, noch heilsamer zu denken und mit den neuen westlichen Ideen zu verbinden. Das war der Anfang vom Kinomichi.

Kinomichi ist kein Massensport. Noro ging es nie um Trends, Standards oder die „wahre“ Technik. Jeder Mensch ist ein Original und jeder findet in sich den Weg der Bewegung, im Körper und im Geist.