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Kinomichi integriert die Vorstellungen von Spirale, Kontakt, Einheit und Harmonie in verschiedenen Formen einzelner Bewegungstechniken.

Noro hat mehrere Schemata entwickelt, um den Lernenden bei den vielen Variationsmöglichkeiten eine Orientierung an die Hand zu geben und stufenweise neue Spiralformen des Körpers zu entdecken.

Als Einführung in die Bewegungstechniken des Kinomichi hat er eine Übungsfolge von 6 Übungen gewählt. Wenn man sich die Lernentwicklung als Stufenpyramide vorstellt, beginnt die Kinomichi-Schule in der Anfängerklasse auf der ersten Stufe (Initiation 1).

Den Begriff „Initiation“ muss man sich nicht als mystische „Weihe“ vorstellen, ein „Status“ der erreicht werden muss, um nach erfolgreicher „Prüfung“ endlich in den Kreis der eingeweihten SchülerInnen aufgenommen zu werden, die dann weitere, höhere Initiationsstufen erklimmen können.

Noro, so wird mir berichtet, war strikt gegen Prüfungen. Seine Philosophie war der individuelle Lernweg jedes einzelnen Menschen, aus seine Weise und in seinem Tempo. Die eigentliche Wortbedeutung hilft weiter: Initiation als Einführung, Einweihung in Techniken und Körper-Geist-Wahrnehmungen, die jeder Lernende schrittweise für sich entdecken und damit stufenweise seinen Blick erweitern kann.

Noro hat Schemata für eine ganze Reihe von Initiationstufen entwickelt. Aber die 111 Übungen der Initiation 4  bieten für den Anfang schon eine Variationsvielfalt, die eigentlich nur ein Kinomichi-Profi, der sich jeden Tag 6 Stunden bewegt, ganz füllen kann. Für das wöchtenliche Training sind die Übungen der Initiation1 immer wieder gut, um präsent zu werden, um dann anschließend in zunehmender Dynamik aus dem großen Fundus der Übungsteile der Initiationen 1 bis 4 schöpfen zu können.

Für die ersten Jahre als Anfänger reicht es vollkommen, sich mit den facettenreichen Übungsfolgen der Stufen Initiation 1 bis 4 vertraut zu machen. Um ein Gefühl für die Ideen und Schemata zu bekommen, folgt hier eine erster Einstieg im Überblick (als Anfänger kann ich teilweise auch nur das Schema aber noch nicht die Idee bzw. die Umsetzung einzelner Übungen beschreiben, das ergänze ich später mal, wenn ich sie selbst kennengelernt habe).

6 Grundtechniken – Initiation 1

Noro hat nach dem Ankommen am Boden und dem Aufwärmen das Training oftmals mit sechs Grundübungen begonnen, einer Übungsfolge der wichtigsten 6 Grundtechniken im Kinomichi. Diese hat er in der Initiation 1 zusammengefasst und empfiehlt sie in der 1. Art (mehr aus dem Stand heraus, langsam, achtsam) zu entdecken.

Was ist die Idee? Die Initation 1 entwickelt in den sechs Grundübungen ein Gefühl für Aufrichtung, Diagonale und Spirale und den Kontakt zum Partner.

Was ist das Verfahren? Es finden sich stets zwei Partner zusammen. Beide beginnen die Übungen aus dem Stand in Kontakt. Ein Partner nimmt die Uke-Rolle ein und initiiert die Bewegungen. Jede Übung wird meist viermal wiederholt, wechselseitig erst rechts dann links und noch einmal rechts dann links. Die Wiederholung ermöglicht es Dir, Dich genauer in die Bewegung hineinzufühlen. Wo stimmt es? Was tut mir gut? Wie fühlt sich der Kontakt an? Spüre ich die Spirale, die Aufrichtung und Dehnung. Nach den vier Wiederholungen wird gewechselt, Uke wird Tori bzw. umgekehrt.

Fortgeschrittenere können auch gleich mehrere Bewegungsfolgen hintereinander ausführen und erst anschließend die Rollen wechseln.

Was ist das Schema?

Initiation 1 Übungsfolge mit 6 Übungen
itten itchi nitten nitchi santen sanchi
1. Art Beide beginnen die Übungen aus dem Stand im Kontakt
Übung 1 2 3 4 6 5

Hier geht es darum die 6 Grundtechniken zu begreifen.

Schon diese erste Tabelle zeigt, wie verspielt Noro war. Jeder würde doch in der Folge nach der 4. Übung die 5. erwarten. Aber nein, es kommt erst die 6 dann die 5 am Ende. Oder man würde umgekehrt erwarten, dass jede ungerade Übung eine Ten-Übung und jede gerade eine Chi-Übung ist. Aber nein, diese Dreher sollen wohl den Geist wach halten, sollen den Anfänger gleich bei den Grundübungen lehren, das Grundprinzip im Kinomichi ist kein starres System, keine festgelegte Technik, sondern lebendige Bewegung, Veränderung, Wachheit, Variation. Warum gesprochen „iten“ und „niten“ in der Tabelle „itten“ und „nitten“ geschreiben werden, habe ich bislang nicht verstanden. Das wird mir später mal jemand erklären. Wichtig war für mich bislang, den Wortklang richtig zu hören.

  • itten (1 Himmel) Körper zugewandt, Hände kreuzen (z.B. Rechte und Rechte überkreuz), Tori biete die Hand nach oben gedreht an, Uke greift von untern, Tai Sabaki von Uke leitet die Körperdrehung beider mit den Händen nach oben ein und führt zu einer Dehnung der Körper zum Himmel.
  • itchi (1 Erde) Körper zugewandt, Hände kreuzen, Griff von oben, Arme eröffnen eine Spirale in Form einer liegende Acht, was zu einer Körperdrehung führt und in eine Summurai-Hocke als Dehnung zur Erde.
  • nitten (2 Himmel) Körper stehen Seite an Seite nebeneinander, Hände ipsilateral (z.B. Rechte greift Linke wie beim Händchen halten), Liegende Acht führt zu Spirale als Dehnung zum Himmel.
  • nitchi (2 Erde) Körper zugewandt, Hände kreuzen, Kontakt Handrücken an Handrücken, Tai Sabaki am Partner vorbei, Hand an der Schulter
  • santchi (3 Erde) Körper zugewandt, Hände ipsilateral, Griff von unten, Tai Sabaki
  • santen (3 Himmel) Körper zugewandt, Hände kreuzen, Handrücken an Handrücken, Tai Sabaik am Partner vorbei mit der Hand auf der Schulter hinter den Partner treten (Hand ruhig lösen) und in umgekehrter Bewegung wieder zum Ausgangspunkt zurück.

Mitmachen als Tori (Angreifer), das kann jeder ab der 1. Übungsstunde mit einem geübten Partner (Uke, Verteidiger). Wenn Du es dann Selbermachen musst, dreht sich oft genug alles im Kopf, den man eigentlich beim Bewegen besser vergessen sollte.

Für die Uke-Rolle merke Ich mir fürs erste folgende zwei Grundregeln:

  • Ein Griff (Ukes) von unten wird meist von einem Tai Sabaki begeleitet und führt zu einer Spiralbewegung nach oben.
  • Ein Griff (Ukes) von oben führt zu einer Modulation der Energie in Form der liegenden Acht und zu einer Spiralbewegung nach unten.

19 Bewegungsübungen – Initiation 2

Die Initiation 2 beginnt in der 2. Art erst statisch und wird immer mehr dynamisch. Es kommen zwei neue Übungstechniken yonten und goten hinzu. Mit jeder Bewegungsart werden die Bewegungen und Varianten dynamischer und damit auch vielfältiger in der Modulation.

Was ist das Schema?

Initiation 2 Übungsfolge mit 19 Übungen mit Omote-/Ura-Waza-Varianten
Itchi nichi sanchi itten niten santen yonten goten
1. Art O / U O
2. Art O O * O O O O O / U O
3. Art O O * O O O
4. Art O * O

Das sieht sehr kompliziert aus. Die Reihenfolge ist systematisch, aber in der Praxis wird nicht nach Schema geübt, sondern es werden je nach Wunsch oder Befinden bestimmte Variationen kombiniert.

WIchtig für den Anfänger ist, sich beim Erlernen die verschiedenen Bewegungsarten einzuprägen. Ob das mit den Os und Us in der Tabelle so stimmt, muss ich noch einmal fragen. Der * zeigt glaube ich an, dass es da eine Variation gibt.

  1. Art: Beide mehr statisch. Übungen aus dem Stand, mehr statisch, langsam, genau im Detail, Spiralen und Dehnungen erspüren und genießen.
  2. Art: Anfang und Ende eher statistisch, im Zwischenteil dynamisch. Übungen, bei denen Uke im Stand eine Bewegung des Tori aufnimmt, in Kontakt kommt, beide in Bewegung kommen (meist eine Kreisel- oder Drehtürbewegung), Uke zurück zum Stand kommt und Tori auch bzw. in Variationen in Bewegung den Kontakt verliert.
  3. Art: Beide mehr dynamisch. Übungen, bei denen Uke in Bewegung eine Bewegung des Tori aufnimmt, beide in Kontakt und in Bewegung kommen, Uke zurück zum Stand kommt und Tori in Bewegung den Kontakt wieder löst

Ich merke mir als Uke:

  • Vor dem Start des Tai Sabaki schaffe ich mir mit meinem Körper und den ausgebreiteten Armen eine Sphäre um mich herum (als wenn ich eine große, unsichtbare Kugel halte), in die ich den Partner einlade. Mein Körper ist nach vorn auf den Partner ausgerichtet. Das Standbein ist hinten, das Spielbein und ein Arm vorn. Die Spirale ensteht im hinteren Fuß, die vordere Hand täuscht einen Kontakt an, aber vor dem Kontakt kommt der hintere Arm mit der Drehung  nach vorn und ergreift (wahlweise überkreuz oder ipsilateral, von oben oder von unten) die Hand bwz. den Unterarm des Partners.
  • Vor der Spirale als liegende Acht drehe ich mich nicht vor dem Kontakt, sondern gleite nur auf den anderen zu, greife die Hand und beginne erst im Kontakt meine Spiraldrehung mit dem Partner aus der Hüfte heraus.

33 Übungen – Initiation 3

Die Initiation 3 beginnt in der 3. Art gleich dynamisch.

Was ist das Schema?

Initiation 3 Übungsfolge mit 33 Übungen mit Omote-/Ura-Waza-Varianten
itchi nichi sanchi yonchi iten niten santen yonten goten Anzahl
3. Art in der 1. Form  O / U  O / U  O / U  O / U O / U       U        U O / U       U 15
3. Art in der 2. Form O / U O / U O / U O / U O / U       U        U OO/UU O / U 18

Das sieht noch komplizierter aus. Die Reihenfolge ist weiterhin systematisch, erst die chis dann die tens. achtung: Es kommt noch genau eine Chi-Übung „yonchi“ hinzu. IN der Initiation 3 lernst Du die ersten beiden Kontaktformen (1. Form Hände greifen überkreuz und 2. Form Hände greifen ipsilateral). Mit Initiation 3 hast Du schon die ersten 33 Übungen der Initiation 4 mit seinen 111 Übungen kennengelernt.

111 Variationen – Initiation 4

Die Initiation 4 beginnt in der 3. Art gleich dynamisch. Hier kannst Du alle 9 Übungen in 8 verschiedenen Kontaktformen meist in der Omote- und Ura-Variationen nach Belieben und in verschiedensten Kombinationen durchspielen. Das ist Tanz per Execellence.

Was ist das Schema?

Initiation 4 Übungsfolge mit 111 Übungen mit Omote-/Ura-Waza-Varianten
 alle in der 3. Art itchi nichi sanchi yonchi iten niten santen yonten goten Anzahl
1. Form  O / U  O / U  O / U  O / U O / U       U       U O / U       U 15
2. Form O / U O / U O / U O / U O / U       U       U OO/UU O / U 18
3. Form O / U O / U O / U O / U O       U       U      U 12
4. Form O / U O / U O / U O / U O       U 10
5. Form O / U O / U O / U O / U O / U       U       U O / U      U 15
6. Form O / U O / U O / U O / U O / U       U       U O O 14
7. Form O / U O / U O / U O / U O / U       U       U O / U      U 15
8. Form O / U O / U O / U O / U O       U       U      U 12

Keine Angst, das muss man sich nicht alles merken. Betrachte die 111 Variationen als einen Baukasten mit vielen bunten Klötzchen verschiedener Bewegungsformen.  Die 8 verscheidenen Griff-Formen ergeben die Vielfalt und lassen das Spiel nie langweilig werden.

  1. Form – überkreuz greifen: Mit der rechten Hand greift Tori die rechte Hand Ukes von innen/außen am Handgelenk bzw. analog mit der linken die linke.
  2. Form – ispsilateral greifen: MIt der rechten Hand greift Tori die linke Hand Ukes von innen/außen am Handgelenk bzw. analog mit der linken die rechte.
  3. Form – Schulter ipsilateral (opt. zusätzlich mit der Hand überkreuz) greifen: MIt der rechten Hand greift Tori von außen die rechte Schulter Ukes und gleichzeitig mit der linken Hand überkreuz die rechte Hand Ukes bzw. analog mit der linken die linke Schulter und mit der rechten die linke Hand.
  4. Form – Vorn am Kragen greifen: Mit der rechten Hand greift Tori Uke am Schlafittchen (am Revers vorn oberhalb des Brustbeins) bzw. analog mit der linken.
  5. Form – „Schwertschlag“ überkreuz: Die rechte Hand wie ein Schwert nach schräg vorn, oben gestreckt greift Tori Uke an, der diese Bewegung mit seiner rechten Hand kreuzt (die Hände kommen in Kontakt wie zwei überkreuzte Schwertspitzen).
  6. Form – „Messerschlitz“ von oben nach unten: Mit der rechten Hand holt Tori aus und versucht einen Schlag (Messerschlitz) am Vorderköper Ukes von oben rechts an der Schulter bis unten links (entlang der schrägen Kittelausschnittlinie) bzw. analog mit der linken kreuzt Tori die Rechte von Uke.
  7. Form – „Messerstich“ in die Magengrube: Mit der rechten geballten Hand greift Tori Ukes Bauch an (zielt auf den Bauchnabel) bzw. analog mit der linken.
  8. Form – Hinten am Kragen greifen: Mit der rechten Hand greift Tori Uke überkreuz von hinten am Kragen (nicht als Umarmung, sondern als Versuch links an Uke vorbeizukommen und ihn von hinten am Kragen zu fassen) bzw. analog mit der linken.

Diese Folge kann man ab und an mal als Ja-Nein-Doch-Kontaktspiel durchspielen und darüber sich besser einprägen: Ich gebe Dir überkreuz die Hand zum guten Tag sagen (1. Form). Du willst nicht und stößt meine Hand nit der anderen weg. Dann ergreife ich eben die andere Hand ipsilateral (2. Form). Auch das magst Du nicht. Na gut, dann wandere ich hoch und ergreife die Schulter auf der Seite (3. Form). Du ziehst die Schulter weg. OK, dann greife ich Dich am Schlafittchen (4. Form). Das magst Du überhaupt nicht, tritts einen Schritt zurück und stößt meine Hand weg. OK, wenn das so ist, versuche ich noch höher mit einem Schwertschlag auf den Kopf (5. Form). Den parrierst Du überkreuz. OK, dann versuche ich das gleich ipsilateral von oben nach (6. Form). Dir wird es langsam lästig und Du lässt mich an Dir vorbeigleiten. Ich will aber Kontakt und versuche es nochmal weiter unten frontal in der Bauchgegend (7. Form). Auch das wird nichts. Da fällt mir nur noch ein, es einmal hintenherum zu versuchen (8. Form). Aber auch dazu fällt Dir eine Gegentechnik ein.

Hier schon zu beschreiben, wie genau Uke die einzelnen Formen aufgreift und die „Angreifer“-Energie als Modulation in eine fließende Bewegung um- oder weiterleitet, führt an dieser Stelle zu weit. Wem umgekehrt diese Variationsvielfalt noch nicht ausreicht, dem sei gesagt, es gibt noch mindestens weitere 8 Formen zu entdecken. Aber dazu mehr an anderer Stelle.